Ich kenn‘ Sie doch von irgendwoher …

Zurückgezogen lebte ich schon immer. Keine Freunde, nur den nötigsten Kontakt zu Kollegen und Familie. Da aber auch in mir die Sehnsucht nach zwischenmenschlichen Beziehungen vorhanden ist, gibt es bei mir gelegentlich zaghafte Versuche mit meiner Umwelt in Kontakt zu treten. Bevorzugtes Medium ist da das Internet, über das ich auch meine Frau kennengelernt habe.

Meine Frau ist, im Gegensatz zu mir Eigenbrötler,  ein Sozial-Mensch. Sie kennt viele Leute, unterhält sich viel. Ich bin schon froh, wenn ich erkenne, dass die Leute vor uns unsere Nachbarn sind. Ich hab‘ eben ein schlechtes Gesichts- und Namensgedächtnis.

Immer wieder kam die Frage auf, wie denn eine bestimmte Person aussah, z.B. ein Verkäufer, mit dem ich eben noch gesprochen hatte. Und ich kann immer nur sagen: „Keine Ahnung“. Und das ich nach 8 Jahren noch immer nicht unsere Nachbarn im Haus erkenne fand sie auch seltsam.

Irgendwann kam das Thema Gesichtsblindheit auf. Ich kannte diese Krankheit, allerdings aufgrund des deutschen Bezeichnung eben nur in der schwersten Form, bei der die Betroffenen Gesichter als solche gar nicht wahrnehmen können.

Das ist zum Glück nicht mein Problem. Wenn mir die Person vertraut ist, dann erkenne ich sie auch. Nur ist dieser Personenkreis recht klein, und selbst bei sehr guten Freunden passiert es gelegentlich, dass ich ihren Namen vergesse.  Ich erinnere mich nicht an Gesichter, wie die Leute heißen und woher ich sie kenne. Genaugenommen: Aus den Augen, aus denn Sinn. Und mein visuelles Vorstellungsvermögen ist eh‘ mangelhaft.

Von den ca. 20 Bewohnern im Haus kann ich kaum eine handvoll korrekt zuordnen. Ich bin schon froh, wenn ich im Treppehaus jemanden treffe, wenn ich erkenne , dass dieser Mensch hier wohnt. Manchmal habe ich so meine Zweifel, wenn der andere mich jedoch zu kennen scheint, dann wird’s schon passen. Meine Frau beschwert sich gerne, ich soll doch nicht so nett zu einigen ‚problematischen‘ Nachbarn sein. Ich bin mir halt oft nicht sicher, wenn ich da vor mir habe. Ich kann ja schlecht fragen: „Sind Sie nicht das Arschloch aus dem x-ten Stock, dass meine Frau neulich beleidigt hat?“

Im Job ist es ebenso, die direkten Kollegen, mit denen ich täglich persönlich zusammenarbeite, (er-)kenne ich. Einfach nur im gleichen Raum sitzen reicht nicht aus. Und mein Chef aus der Zentrale, der alle paar Wochen oder sogar Monate vorbeischaute war für mich halt einfach nur irgendwer aus der Zentrale. In Meeting fühlte ich mich jedes Mal als der Neue, der noch keine Ahnung hat, wer hier was ist und macht. Protokolle führen oder Moderation ist für mich nicht machbar.

Persönlicher Kundenkontakt ist Stress. Bei meinen letzten Job (PC-Auf-/Abbauten und -umzüge) konnte meist ich festlegen, wann ich mich mit wem treffe. Zur Vorbereitung noch ein Blick ins interne Telefonbuch das Foto des Mitarbeiters anschauen. Naja, bis ich dort war hatte ich’s eh‘ wieder vergessen. Unangenehm waren die Zwischenfragen auf den Gängen. Auch wenn ich gerade noch im Büro einen Computer aufgebaut habe und diesem Mitarbeiter die Funktionen erklärt habe, fünf Minuten später auf dem Gang ist mir dieser Mensch völlig unbekannt.

Einfach mal neue Leute kennenlernen, jemanden z.B. in einer Kneipe ansprechen ist für mich undenkbar. Wenn dieser Mensch mal kurz auf die Toilette geht würde ich ihn hinterher vielleicht nicht wiedererkennen.

Ich brauche da eine intensive Vorbereitung. Dank Internet und meiner eigenen Fotokünste habe ich viele meiner (E-Mail-)Kontakte mit Fotos versehen, sammle Informationen, die das ‚Bild‘ dieser Person abrunden. Die Fotos alleine bringen’s aber nicht wirklich, irgendwie sehen die Leute für mich in der Realität oft anders aus, als auf dem Foto. Namensschilder sind da schon wesentlich hilfreicher. 😉

Und ich begebe ich häufig in Situationen, wo ich wiederholt mit einer begrenzten Anzahl von Leuten zu tun habe, die ich mir da einprägen kann. Bei den Spielenachmittagen im Verein letztes Jahr habe ich etwa ein dutzend Leute kennengelernt, immerhin vier davon hab ich nach der Winterpause noch im Gedächtnis. Naja, die Gesichter sind inzwischen etwas verschwommen, aber ich bin optimistisch, dass ich sie jetzt zu Saisonbeginn wiedererkennen werde.

Statt Gesichtsblindheit werde ich anderen gegenüber aber von Gesichtsdemenz reden, dass passt besser zum Krankheitsbild.

Links:
Martina Grüter: Eine leicht Form von Prosopagnosie
Prosopagnosie oder die Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken
Cartoon: Gesichtsblindheit

 

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